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"Wir sind nur eine Söldnerarmee für ein paar Reiche"
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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(01.09.2009) 
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(27.11.2008) 
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(27.11.2008) 
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(26.11.2008) 
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(26.11.2008) 
Rechtsanwalt Dr. Reinhard Marx: Asylantrag für den US-Verweigerer André Shepherd - Ausführliche Begründung durch den Rechtsanwalt - Teil I
(26.11.2008) 
Rechtsanwalt Dr. Reinhard Marx: Asylantrag für den US-Verweigerer André Shepherd - Ausführliche Begründung durch den Rechtsanwalt - Teil II
(20.11.2008) 
Connection e.V.: Kriegsdienstverweigerung und Desertion in den USA - Stellungnahme zum Verfahren des US-Deserteurs André Shepherd
(29.04.2004) 
Richtlinie über Mindestnormen für die Anerkennung von Flüchtlingen - Qualifikationsrichtlinie - Rat der Europäischen Union
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"Wir sind nur eine Söldnerarmee für ein paar Reiche"

Gespräch mit dem US-Deserteur André Shepherd

Über seinen Asylantrag als GI in der Bundesrepublik, die Grundsätze der Nürnberger Prozesse, die US-Kriege im Irak und Afghanistan und Präsident Barack Obama

André Shepherd, 32, wuchs in Ohio/USA auf und besuchte dort das College. 2003 war er arbeitslos, trat in die US-Armee ein, wurde als Mechaniker für Apache-Kampfhubschrauber ausgebildet und im deutschen Ansbach-Katterbach stationiert. 2004 diente er sechs Monate im Irak. 2007, wieder in Deutschland, bekam er erneut den Befehl, in den Irak zu gehen. Im April 2007 entfernte er sich unerlaubt von der Truppe und lebte in Deutschland im Untergrund. Am 26. November 2008 beantragte er in Deutschland Asyl. Er beruft sich auf eine Direktive der EU, wonach Soldaten Asyl gewährt werden muß, die in ihren Heimatländern Verfolgung befürchten müssen, weil sie sich geweigert haben, an Verbrechen oder Handlungen teilzunehmen, die völkerrechtswidrig seien.

Seit der »Krieg gegen den Terror« begann, haben viele US-Soldatinnen und -Soldaten sich gegen den Krieg geäußert, viele haben den Dienst verweigert. Sie haben als bisher einziger Asyl in Deutschland beantragt. Worauf gründet sich Ihr Antrag?

Es ist ganz einfach: Die USA haben beim Angriffskrieg gegen das irakische Volk nicht nur nationales Recht verletzt, sondern auch internationales. Die US-Regierung hat nicht nur die US-Öffentlichkeit betrogen, sie hat die internationale Gemeinschaft, die irakische Gesellschaft und auch die militärische Gemeinschaft betrogen. Die Greuel, die dort in diesen letzten sechs Jahren begangen wurden, sind massive Verstöße gegen die Genfer Konventionen. Die Begründung für meinen Asylantrag ist, daß das Völkerrecht gebrochen wurde und ich nicht gezwungen werden möchte, in einem Krieg zu kämpfen, der illegal ist.

Sie haben in Ihrem Antrag auch die Prinzipien des Nürnberger Militärtribunals, die in die UN-Charta aufgenommen wurden, erwähnt. In Nürnberg stellte der US-Hauptankläger Robert Jackson fest: »Die Entfesselung eines Angriffskriegs ist … nicht bloß ein internationales Verbrechen; es ist das schwerste internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen nur dadurch unterscheidet, daß es in sich alle Schrecken der anderen Verbrechen einschließt und anhäuft.« Er sagte auch, »Dieses Gesetz wird hier zwar zunächst auf deutsche Angreifer angewandt; es schließt aber ein und muß, wenn es von Nutzen sein soll, den Angriff jeder anderen Nation verdammen, nicht ausgenommen die, die jetzt hier zu Gericht sitzen.« Was bedeutet Nürnberg für Sie?

Die Nürnberger Statuten sind die Grundlage für die Absage vieler US-Soldatinnen und -Soldaten an den Irak-Krieg, teilweise auch für die Absage an den in Afghanistan. Die USA haben mit ihren Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg Gesetze verabschiedet, wonach Befehle nicht befolgt werden müssen, die Verbrechen gegen die Menschheit anordnen. Jeder hat das Recht und die Pflicht, sich in solchen Fällen auf sein eigenes Gewissen zu berufen. Das ist jetzt 60 Jahre her. Heute ist die US-Regierung offenbar der Meinung, daß diese Regeln für sie nicht gelten. Sie haben bei der Irak-Invasion nicht auf ein UN-Mandat gewartet, sie ließen die Inspektoren der Vereinten Nationen nicht ihre Arbeit tun, und sie haben Märchen über angebliche Bedrohungen erfunden. Das alles verletzt die Nürnberger Statuten. Die US-Verfassung legt fest, daß die USA an unsere internationalen Verträgen, zum Beispiel mit der UNO, gebunden sind. Wenn wir also die Vereinten Nationen ignorieren, verstoßen wir gegen die US-Verfassung, auf deren Einhaltung jeder Soldat eingeschworen ist. Die USA müssen außerdem unser eigenes sehr strenges Gesetz gegen Kriegsverbrechen und Folter respektieren. Da aber die Obama-Regierung sich weigert, die Verbrechen der vorherigen Regierung zu untersuchen und zu verfolgen, ist mir klar, daß sie Komplize der Verbrechen der vorigen ist. Sie schaffen einen sehr gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft der Welt. Die Deutschen haben ein Geschichtsbewußtsein. In diesem Land sind die Nürnberger Grundsätze festgelegt worden. Jetzt müssen wir einen Weg finden, diese Grundsätze wiederzubeleben, sie wie auch die Genfer Konventionen zu respektieren. Deutschland muß den USA sagen: »Hört mal, ihr habt geholfen, diese Regeln zu schaffen, und jetzt solltet ihr sie auch einhalten.«

Haben Sie von der Kampagne deutscher Bürger gegen die Vergrößerung des US-Stützpunkts Ansbach-Katterbach erfahren, als Sie dort stationiert waren?

Ja, es gab Proteste vor der Katterbach-Garnison. Wir drinnen verstanden, daß die Deutschen nichts gegen uns als Soldatinnen und Soldaten hatten. Sie protestierten nur gegen die weitere Verwicklung Deutschlands in den US-Imperialismus. Daher blieb die Beziehung zwischen den GIs und den Deutschen, die auf dem Stützpunkt arbeiteten, gut. Wir durften natürlich nicht an den Protesten teilnehmen. Ich bin sicher, das US-Militär vermutete, daß sonst 50 Prozent der GIs bei den Protesten dabei wären. Viele verstehen, was los ist – so weit, daß uns klar ist, daß wir nur eine Söldnerarmee für ein paar Reiche sind. Aber eine bedeutende Zahl an GIs, etwa 60 Prozent, hat Familie. Für sie ist es eher schwierig, sich unerlaubt von der Truppe zu entfernen oder massiv Widerstand zu leisten.

Bei ihrem Protest führten die Bürgerinnen und Bürger von Ansbach und Katterbach eine Unterschriftenaktion durch, die den Artikel 26 der deutschen Verfassung, im Grundgesetz der Bundesrepublik am 23. Mai 1949 verkündet, zitiert. Dieser Artikel schreibt fest, daß die Vorbereitung eines Angriffskriegs von deutschem Boden aus verfassungswidrig und eine Straftat ist. In Kaiserslautern und Ramstein, wo sich ebenfalls US-Garnisonen befinden, wurden auch Unterschriften unter Bezug auf diesen Artikel gesammelt. Diese Deutschen glauben, daß die USA die deutsche Verfassung verletzen. Waren sich die GIs dieser Bestimmung der deutschen Verfassung bewußt?

Wir bekommen überhaupt keine Informationen über die deutsche Verfassung. Das kommt mir merkwürdig vor, denn da wir angeblich in Deutschland sind, um die deutsche Demokratie zu verteidigen, sollten wir dann nicht etwas über sie wissen? Fakt ist: Wohin auch immer GIs geschickt werden, es wird ihnen fast nichts über das Volk, die Kultur, die Überzeugungen und Gesetze der Länder, die wir besetzen, beigebracht. Im Irak haben sie uns kein Arabisch gelehrt. In Ansbach wird ein Deutschkurs zwar angeboten, aber wir arbeiten bis spät und sprechen den ganzen Tag Englisch, also lernen die meisten GIs nicht viel Deutsch. Jetzt, da ich seit achtzehn Monaten unter Deutschen lebe, habe ich erfahren, daß sehr viele von ihnen ganz entschieden gegen den Einsatz von Krieg zur Lösung internationaler Probleme oder gegen das aggressive Vorgehen gegen Menschen sind. Das ergibt sich aus dem, was sie aus der Geschichte gelernt haben. Artikel 26 der deutschen Verfassung wurde im Geist der Nürnberger Statuten niedergeschrieben: Die Entfesselung eines Angriffskriegs ist das schwerste Verbrechen. Die USA und ihre Westalliierten billigten und autorisierten die deutsche Verfassung. Wie können die USA sagen, wir sind hier in Deutschland, um die Demokratie zu verteidigen, wenn wir nicht nur die Nürnberger Statuten und die Genfer Konventionen und die US-Verfassung, sondern auch die deutsche Verfassung ignorieren und verletzen?

Weshalb läßt Deutschland es Ihrer Meinung nach zu, daß die USA diese Kriege von deutschem Boden aus führen?

Ehrlich, das weiß ich nicht: Man könnte das von politischer Seite betrachten; man könnte es von ökonomischer Seite betrachten. Oder Deutschland sagt sich: Lieber nicht daran rühren – etwa in dem Sinn »Ihr bezahlt für den Strom, Ihr bezahlt für die Miete, also macht Euer Ding, und wir scheren uns nicht drum.«

Bei Ihrem Asylantrag geht es Ihnen demnach nicht darum, nur einen Wohnort zu finden, sondern Sie versuchen, ein wesentliches historisches und politisches Prinzip geltend zu machen?

Ja, das stimmt, weil ich zutiefst überzeugt bin, daß die USA zu weit gegangen sind. Allein im Irak sind bisher etwa 1,3 Millionen Menschen seit Kriegsbeginn 2003 gestorben, darunter auch viele US-Soldatinnen und -Soldaten. Wir haben in den letzten acht oder neun Jahren mehrere Länder angegriffen: Afghanistan, Syrien, Pakistan, den Irak und einige Orte im Sudan. In der ganzen Welt zerstören und töten wir nur, alles aufgrund von Lügen. Ich meine, daß ich alles tun muß, was ich kann, um dem ein Ende zu setzen. Ich fühle mich schuldig, weil ich fast fünf Jahre an diesem Krieg teilgenommen habe, und dafür möchte ich sühnen können.

Warum haben Sie sich nicht an das US-Rechtssystem gewandt und bei der Armee einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen gestellt?

Als ich mich bei meinem Unteroffizier danach erkundigt habe, sagte er, du mußt gegen den Einsatz in jeder Art von Krieg sein. Und das stimmt für mich nicht, weil ich meine, wenn man etwa von einem fremden Eindringling überrannt wäre, müßte man kämpfen. Aber laut US-Armee-Bestimmungen bedeutet dies, daß ich kein Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (CO) bin. Ich habe auch vom Fall Agustín Aguayo erfahren, davon, wie das Militär ihn behandelte. Er war in Schweinfurt stationiert, nicht weit von mir in Ansbach. Er stellte den Antrag, als CO anerkannt zu werden, und weigerte sich, seine Waffe zu laden. Zweimal hat er sich den US-Behörden gestellt und gesagt, »Hören Sie, ich bin CO, und ich kann das nicht.« Aber sie wollten ihn zwingen, in den Irak zurückzugehen und zu kämpfen. Am Ende haben sie ihn ins Gefängnis in Mannheim gesteckt. Das hat mir gezeigt, daß ich innerhalb des Militärs keinerlei Hilfe erwarten konnte, und ich beschloß, von außerhalb für meine Rechte zu kämpfen.

Können Sie sich an einen Moment erinnern, an dem Ihnen plötzlich klar wurde, »was ich hier tue, ist falsch«?

Ich kann nicht einen einzelnen Moment herausgreifen, weil es ein Prozeß war, der Jahre dauerte. Der Kampf in Falludscha 2004 war aber ein solcher Punkt, genauer die Folgen dieser Schlacht, besonders was die Marineinfanterie, die Luftwaffe und die Apache-Hubschrauber dieser Stadt angetan haben. Da wurde mir klar: wenn ich und die anderen Mechaniker unsere Arbeit nicht geleistet hätten, wären diese Apaches nicht sehr weit gekommen. Wir arbeiteten ständig, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, damit diese hochkomplizierten Maschinen weiter fliegen konnten, zumal unter den harten klimatischen Bedingungen im Irak. Hätten wir, die Mechaniker, unseren Job nicht gemacht und uns von Anfang an geweigert, an diesem Krieg teilzunehmen, wären viele der Leute im Irak noch am Leben und vieles von der Infrastruktur dort würde noch funktionieren.

Einer der Iraker, der für die US-Armee arbeitete, erzählte mir, er könne nicht verstehen, weshalb wir ihre Stadt zerstören, ihre Infrastruktur zerstören, Leute verhaften. Und ich stehe einfach da – »Was, wie?« Ich war fassungslos, weil ich immer dachte, das Militär solle für die Rechte von Menschen kämpfen. Sie sollen nicht foltern, sondern die Folterer beseitigen, die Vergewaltiger stoppen und den Leuten zu einem besseren Leben verhelfen. Als ich damals hörte, was wir wirklich tun – das stellt einfach deine ganze Welt auf den Kopf!

Und dann die 937 Lügen von George Bush an das US-Volk: Man fühlt sich wie ein Idiot, weil wir uns gemeldet haben, um X zu tun, aber am Ende tun wir Y und Z und wer weiß, was sonst noch? Wir haben Leute getötet, einige von unseren wurden getötet. Ein ganzes Land, zwei Länder, sind völlig zerstört. Ich frage mich immer noch, wozu das alles?

Frage irgendwen, warum sind wir im Irak? Man hört mehrere Theorien: ­Israel, Öl, strategische Zwecke bezüglich Iran – was auch immer, aber niemand hat eigentlich die Antwort. Dasselbe mit Afghanistan: Die NATO ist nur dorthin gegangen, weil die USA darauf insistierten. Wir müssen die USA zwingen, das tatsächliche Ziel in Afghanistan zu erläutern. Sind sie da, um den Drogenhändlern beim Heroin-Anbau zu helfen oder wegen der Unical-Pipeline, oder um etwa eine vorgeschobene Basis Richtung China oder Rußland zu haben? Warum sind wir da?

Meinen Sie, daß Präsident Obama irgend etwas ändern wird?

Nein. Obama wird gestützt von den internationalen Großkonzernen. Die Interessen derer, die ihm am meisten Geld gaben, werden als erstes bedient. Und das ist ganz offensichtlich. Er wird nicht die vorige Regierung wegen der Kriegsverbrechen belangen; er wird nicht aus dem Irak abziehen. Er läßt 50000 Soldaten als Kampftruppen im Irak, das heißt, der Krieg geht weiter. Er eskaliert den Krieg in Afghanistan, drängt auf den Ausbau von AFRICOM, des US-Kommandos für Afrika, und auf den Raketenschutzschild, um Rußland und den Iran einzukreisen. All das zeigt mir, daß Obama nichts ändern wird. Und Obama ist nur einer. Er muß immer noch mit dem gesamten Kongreß fertigwerden, mit dem Gerichtssystem, dem Pentagon. Das US-Militär gibt es seit über 220 Jahren, das wird sich nicht über Nacht ändern, bloß weil da ein neuer Präsident und Oberbefehlshaber ist. Sie verhaften immer noch Leute, die sich weigern zu kämpfen. Sie bringen sie immer noch ins Gefängnis und entlassen sie unehrenhaft aus der Armee, einige gelten als vorbestraft. Obama ist noch nicht auf die wachsende Zahl von Soldatinnen und Soldaten eingegangen, die sich weigern, für ihn zu kämpfen: erst für Bush und jetzt für ihn. Ich sehe also nicht, daß Präsident Obama irgendwem Milde gewährt, bis der ganze »Krieg gegen den Terror« beendet ist, und Afghanistan und Irak gehören ja zum selben Krieg.

Wie läuft es mit Ihrem Asylantrag?

Wir hatten am 4. Februar eine Anhörung mit meinem Anwalt, Reinhard Marx, und mir beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Dr. Marx war mir von Amnesty International empfohlen worden. Ich glaube, daß wir unseren Fall sehr gut vertreten haben, und wir warten die Entscheidung ab. Sollte das Bundesamt für Migration meinen Antrag ablehnen, werde ich Klage einreichen. Da dieser Fall politisch sensibel ist und ein Präzedenzfall, wird es eventuell sehr lange dauern.

Viele US-Soldatinnen und -Soldaten, die aus der Armee geflohen sind, leben im Untergrund in den USA, Dutzende von ihnen in Europa. In Kanada haben viele von ihnen Asyl beantragt; seit vorigen Sommer werden sie aber abgeschoben und kommen in den USA ins Gefängnis. Was ist, wenn Ihr Asylantrag ablehnt wird?

Dann stehen mir auch US-Militärgericht und Gefängnis bevor. Ich sage nicht, daß ich freiwillig in die USA zurückgehen würde; ich würde immer noch versuchen, irgendwo ein Leben aufzubauen.

Was ist, wenn Sie in Deutschland Asyl bekommen?

An dem Tag, an dem ich legal ins deutsche Arbeitsamt gehen darf, kampiere ich vielleicht draußen davor, damit ich als erster drin sein kann. Weil ich 32 Jahre alt und gesund bin, denke ich, ich sollte es selber schaffen. Ich lerne zur Zeit Deutsch und versuche, an die Universität Karlsruhe zu kommen, um Informatik zu studieren. Ich möchte den Bachelor oder sogar den Master machen, damit ich vielleicht mein eigenes Geschäft aufbauen kann. Mein Traumjob wäre, zusammen mit deutschen und japanischen Unternehmen, die in Informationstechnologie führend sind, zu arbeiten, um künstliche Intelligenz zu entwickeln.

Wenn Deutschland Ihnen Asyl gewährte, würden die hier stationierten GIs anfangen, in großer Zahl aus den Basen abzuwandern?

Ich kann mir vielleicht 100 oder 200 vorstellen, aber nicht 30000, die Asyl in Deutschland beantragen. Es ist nicht einfach, weil man im Grunde seinem Land, womöglich für den Rest seines Lebens, Adieu sagt. Das ist schon ein gewaltiger Schritt. Man ist von der Familie getrennt. Man muß eine neue Sprache lernen und versuchen, sich in die Kultur einzufügen. Man muß mit Heimweh klarkommen. Es ist ein sehr wichtiger persönlicher Schritt, den viele Soldatinnen und Soldaten schwierig finden werden.

Sie aber nehmen diese Schwierigkeit auf sich. Warum fühlen Sie sich dazu berufen?

Weil es mich krank macht, die USA zu etwas verkommen zu sehen, das ich nicht wiedererkennen kann. Das Amerika, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr. Zwischen Clinton, Bush und jetzt Obama schlittern die USA von der auf eine Verfassung gegründeten Republik, die sie waren, zu dem, wo jetzt die Großkonzerne alle Frucht der Arbeit des Volkes in Anspruch nehmen; das Land ist wirklich arm, wir haben endlose Kriege überall. In 60 Jahren werden die Leute sagen, wir waren das Volk, das den halben Mittleren Osten für nichts und wieder nichts zerstört hat. Sie bauen ein Zivilcorps auf, das jeden ausspionieren und einkerkern kann, etwa wie eine neuartige Stasi. Es ist alles sehr beunruhigend. Das ist ein Land, in dem ich nicht leben und meine zukünftigen Kinder nicht aufziehen möchte. Die USA gehen denselben Weg abwärts wie das Römische Reich, und es ist wirklich traurig zuzusehen, wenn man dort aufgewachsen ist. Manchmal hat man das Gefühl, egal, was man tut, es passiert sowieso. Es gab schon viele Leute, die Alarm geschlagen haben, viele Friedens­organisationen. Ich möchte helfen, mithelfen zu versuchen, das zu stoppen. Das ist etwas, das sich bei mir im Laufe der Zeit aufgebaut hat, weil ich total verletzt bin. Ich fühle mich betrogen. Ich fühle mich belogen. Wissen Sie, ich habe geholfen, Leute im Irak zu ermorden, für nichts. Das sind Sachen, auf die ich in keiner Weise stolz bin, und ich möchte dies umkehren können und diejenigen, die letztlich dafür verantwortlich sind, zur Rechenschaft ziehen. Denn hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß, hätte ich mich niemals zum Militär gemeldet.

Wie kann man Ihnen helfen?

Helfen Sie, weltweit über diesen Fall aufzuklären. Es geht hier nicht nur um mich, sondern auch um die anderen Soldatinnen und Soldaten. Wir stecken da alle zusammen drin. Und besonders geht es um das irakische Volk, das afghanische Volk, die toten Soldaten, einfach um jeden. Zur Zeit sammeln wir in Deutschland und international Briefe, um der deutschen Regierung die Unterstützung für meinen Asylantrag zu zeigen. Dies ist ein internationales Problem, und ich glaube an eine internationale Lösung.

Kontakte für die Unterstützung von André ­Shepherd

www.Connection-eV.org

girights-germany(at)dfg-vk.de

 

jW-Autorin Elsa Rassbach ist US-Bürgerin und Mitbegründerin von American Voices Abroad Military Project. Sie ist aktiv in der DFG-VK und in der US-Frauenfriedensorganisa­tion Code Pink sowie Mitglied des Internationalen Komitees von United for Peace and Justice (UFPJ), der größten Dachorganisation der US-Friedensbewegung.


aus: Junge Welt vom 23. Mai 2009. http://www.jungewelt.de/2009/05-23/001.php?sstr=shepherd. Das Interview führte Elsa Rassbach. Übersetzung: Eva Bruckner.



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