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Israel: Ich wurde vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure


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Israel: Ich wurde vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen

von Tair Kaminer

Anfang August 2016 wurde die Kriegsdienstverweigerin Tair Kaminer nach insgesamt 155 Tagen im israelischen Militärgefängnis aus dem Militär und schließlich auch aus der Haft entlassen. So lange wie sie war in der Geschichte Israels bislang keine andere Kriegsdienstverweigerin inhaftiert. In einem Beitrag blickt Tair Kaminer auf ihre Entscheidung zurück. (d. Red.)

Ich saß 155 Tage im Knast. Ich war dort, weil ich entschieden hatte, dass ich nicht dazu bereit bin, in der Armee Dienst zu leisten. Ich war nicht bereit, in einer Armee zu dienen, die das palästinensische Volk unterdrückt, eine Armee, die unserer Regierung erlaubt, die brüchige Sicherheitslage im Westen der Negev-Wüste aufrechtzuerhalten, eine Armee, die sich an der Blockade des Gaza-Streifens beteiligt, eine Armee, die jeden Tag Siedler dabei verteidigt, Rechte von PalästinenserInnen zu verletzen.

Meine Entscheidung, keinen Dienst zu leisten, war im Wesentlichen sehr persönlich. Ich weiß nicht, wie lange diese Gedanken bereits in mir schlummerten, bevor ich den Mut hatte, sie auszusprechen. Ja, sagte ich, ich weiß nicht, ob ich zur Armee gehe oder nicht. Ich hörte von einem anderen Jugendlichen, dass es Menschen gibt, die verweigern und ich verstand, dass ich dies in Erwägung ziehen muss. Aber ich sagte weiter, wieder und wieder, dass ich mir nicht sicher bin, welchen Weg ich gehen solle. In der Zwischenzeit beantwortete ich das Schreiben zur Erfassung um nicht „alle Türen zuzumachen“. Ich denke, ich wollte überzeugt werden. Ich hoffte, wenn der Termin der Einberufung näher rückt, würde ich verstehen, dass es möglich sei, das zu trennen. Dass vielleicht die über der Einberufung wehende schwarze Flagge verschwinden würde, dass mein instinktives Gefühl, das mir sagte, es ist verboten, daran teilzunehmen, verschwinden und ich feststellen würde, dass es logisch und ganz einfach ist, an diesem Wahnsinn teilzunehmen. Ich wünschte mir, dass alles verschwände und ich somit weiter in ruhiger Art und Weise Teil der Gesellschaft sein und mit gutem Gewissen zur Armee gehen könne. Aber mit der Zeit passierte genau das Gegenteil. Als ich die Sicherheitslage in Sderot (einer Stadt in Israel, die weniger als eine Meile vom Gaza-Streifen entfernt liegt), erlebte und sah und diese Stadt und ihre Menschen zu lieben begann, verschwand mein Wunsch, in der Apathie zu versinken.

Ich glaube, einer der Gründe, warum ich so lange Zeit nicht sagen konnte, dass ich verweigere, war Angst: Angst, die Antworten Anderer zu hören, Angst, Freundschaften zu verlieren, Angst, etwas so anderes zu tun. Aber mehr als alles andere war es die Angst zu sprechen, Dinge zu sagen, die andere Menschen nicht hören wollen, den heiligen Konsens der „Armee für alle“ zu brechen.

Als nun die Zeit verging und ein Freund, eine Freundin, nach der anderen einberufen wurde, wusste ich, dass ich nicht gehen würde. Zugleich fühlte ich, dass mir dies nicht genug war. Ich musste irgendetwas tun. Die Apathie um mich herum, geschlossene Augen und Ohren, die Art, wie die Menschen ihre Meinungen, Werte und Handlungen abspalteten, gab mir das Gefühl, dass ich verpflichtet bin, das Thema aufs Tablett zu bringen. Ich wollte, dass die Menschen um mich herum sich selbst Fragen stellen und sich vielleicht nicht ganz so wohl dabei fühlen, was sie tun.

Ich wusste bereits, dass ich nicht die einzige bin, die verweigert. Ich versuchte auch, Diskussionen zum Thema zu initiieren. Ich suchte nach Worten. Worte sind so wichtig, wenn du etwas machst, das nicht rein persönlich ist. Ich hatte mich nicht zur Verweigerung entschlossen, weil es für mich bequemer oder richtiger ist. Ich tat es, weil ich glaube, dass eine Person, die die Grausamkeit und Ungleichheit zwischen Menschen nicht akzeptieren will, so handeln sollte.

Als ich nach Worten suchte, entdeckte ich zwei Dinge, die mich für immer veränderten. Das erste war schrecklich: Es ist die hässliche Wahrheit, es sind all die Dinge, von denen ich bereits wusste, dass sie geschehen. Ich hatte hier und dort davon gehört, war aber nie in die Tiefe gegangen. Es sind schockierende Dinge, von denen du nichts in den Medien hörst, weil es vielleicht die Stille brechen würde. Es sind Dinge, die ich kaum glauben konnte, selbst mit einer kritischen Position dazu, weil die Wahrheit so schmerzhaft ist. Es sind Dinge, die manchmal in dir den Wunsch aufkommen lassen, es gar nicht wissen zu wollen, weil das viel einfacher ist. Aber wenn der Moment da ist, in dem dir diese Dinge bekannt werden, ist es viel schwieriger, teilnahmslos zu bleiben.

Das zweite war überraschend, positiv und machte mich optimistisch. Ich entdeckte Menschen, die nicht bereit waren, dem Übel und der Grausamkeit beizupflichten, die nicht ihre Augen schlossen, die an Gleichheit unter Menschen glauben und dafür kämpfen. Sie kämpfen für Verbesserungen, für Veränderungen, für wirkliche Sicherheit und Frieden. Wie überraschend ist das Gefühl, Teil von etwas Gutem zu sein. Wie sehr stärkt das Wissen, dass du nicht allein in deinem Kampf bist. Wie gut ist es zu wissen, dass es sehr viele Menschen gibt, die jeden Tag für alle kämpfen.

Ich möchte die Möglichkeit hier nutzen, all diesen Menschen einen riesen Dank auszusprechen. Zuerst einmal: Danke, dass Ihr Friedensmenschen seid, wer immer und wo auch immer Ihr seid. Ihr tragt große Verantwortung und es ist ein wichtiger Kampf um die Welt wiederherzustellen. Und zweitens: Danke für Eure Unterstützung, Eure Begleitung und Hilfe bei diesem Schritt und Eure Beteiligung an diesem Kampf.

Es gibt hier keine zwei Seiten - zumindest nicht aus meiner Sicht. Es gibt nur Menschen, die seit zu vielen Jahren getötet wurden und kämpfen statt zu leben. Der Terror ist allgegenwärtig und die Lösung - die kommen wird - wird eine Lösung für alle sein. Es wird keine einseitige Lösung geben. Es gibt keine Gewinner in den Kriegen. Wir müssen das stoppen!

JüdInnen und AraberInnen, Frauen und Männer, Mizrachis und Aschkenazis, ÄthiopierInnen, RussInnen, ImmigrantInnen, Flüchtlinge... Es ist unwichtig. Nichts ist unwichtig. Wir müssen uns auf einer Grundlage vereinen: Das Volk, die Menschlichkeit ist die Antwort auf all das, nichts weiter - das ist natürlich keine überraschende oder originelle Idee, aber etwas, was meiner Meinung nach in diesen Tagen vergessen wird.

Wir alle sind Menschen, und damit können wir Antworten finden.


Tair Kaminer: My name is Tair Kaminer and I was recently released from prison. 10. August 2016. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2016



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